Aus der Literatur

Nach und nach werden hier interessante Originalquellen zu den Themen „Garderobe“ und „Garderobenmarke“ hochgeladen.

Jacob Grimm, Wilhelm Grimm (Hrsg.): Deutsches Wörterbuch. (IV, 1. Abteilung, Teil 1). S. Hirzel, Leipzig 1878

garderobe, f. das frz. garderobe, das doch selbst gleichfalls deutscher herkunft ist, denn in gardesteckt unser warten (s. garde), in robe unser raub mit seiner ahd. bedeutung rüstung die man dem erlegten feinde abzieht, spolia, ἔναρα, collect. giroubi Otfr. IV, 28, 1, girôbi Hel. 5547 der gewandung Christi am kreuze, die den kriegsknechten zufällt. man spricht es übrigens deutsch aus, mit den beiden -e, sodasz unsere aussprache der altfranz. gleichkommen wird.<br>1) es erscheint schon im 16. jahrh., eigner weise als m.: man bewise inen alle ehr. unter anderm füert man sie … in den gardenrobbe (vgl. gardenprust), der am sale (banketsaale) stunde, und liesz sie das silbergeschirr sehen … es waren in dem gardenrobbe zwo seiten vom boden an bisz an die bünen hinauf mit eitelem silbergeschirr uf schepften übersteltt. Zimmer. chr. 3, 238, in der schilderung eines bankets in einem reichen Cölner bürgerhause, in der allgemeinern bed. nebenzimmer überhaupt, die auch das franz. wort hat; auch nl. schon bei Kil. unter den fremdwörtern garderobbe, vestiarium, die form die damals und länger auch franz. war (noch in Frischs franz. wb. 1719). Auch bildlich schon im 17. jh.: soll sie (die princessin braut) ihr gewissen dem pere la Chaise, dem pere le Comte und ihrer gesammten societæt in verwahrung geben, weil diese zubrechliche waare nirgends besser, als in der geistlichen garderobbe der löblichen jesuiter-gesellschaft aufgehoben werden kan. Pasquini staatsphant. 317.2) die bedeutung erstreckt sich der einer kleiderkammer (s. d.) auch auf die dort aufbewahrte kleidung oder kleidung überhaupt sofern sie als vorrätig oder zu gebote stehend gedacht ist; einem balle entgegen musz z. b. die garderobe hergestellt werden; selten den kleidern am leibe: der baron F. mit der ganzen garderobe den krönungszeiten Franz des ersten her .. den übel fournierten J. nicht zu vergessen, der die lücken seiner altfränkischen garderobe mit neumodischen lappen ausflickt. Göthe 16, 104 (Werther 1775 s. 131, wo aber an der zweiten stelle kleidung). Bei höfen auch der dienerschaft der kleiderkammer oder dienerschaft überhaupt (wie franz.), z. b.: marquise (zieht einen beutel hervor). das erhielt ich vom domherrn, um die garderobe der fürstin mir günstig zu machen. Göthe 14, 144 (groszcophta 2, 2). einzeln auch, wie franz., als schonender ausdruck für abtritt, wie neuerdings toilette. 3) im nl. wurde das gardewieder deutsch gemacht (vergl. unter gardian 2 a. e.): waerdrubbe, waerdrobbe, waerderebbe, vestiarium, conclave, garderobe Kil., auch waerdrubbe, latrina domestica. so noch engl. wardrobe

Karlheinz Graudenz – Das Buch der Etikette, 1956

Der Besuch einer jeden künstlerischen Veranstaltung setzt eine gewisse innere und äußere Bereitschaft voraus. Ohne innere Bereitschaft sind Freude und Genuß nur oberflächlich.

Die äußere Bereitschaft, die sich in der passenden Kleidung dokumentiert, gibt ihr den festlichen Rahmen. Wer eine Operette, ein Theater, ein Konzert oder eine Ausstellung zu besuchen gedenkt, der mag berücksichtigen, daß bereits die Vorfreude einen Teil des erwarteten Kunstgenusses bedeutet. In dem Augenblick, da man die Karten besorgt – und das sollte man rechtzeitig tun, um nicht etwa vor ausverkauftem Hause zu stehen –, werden die Gedanken des wahren Kunstfreundes bereits auf den Abend gerichtet sein. Diese Genüsse, die wir uns je nach Geldbeutel und beruflicher Abkömmlichkeit mehr oder weniger häufig gönnen, sind die leuchtend bunten Farbflecken im Grau des arbeitsamen Alltags.

Wir gewöhnen uns daran, niemals zu spät zu kommen! Pünktlichkeit ist nicht nur eine selbstverständliche Pflicht unseren Freunden, insbesondere natürlich der Damen, sowie den anderen Besuchern gegenüber, sondern erhöht auch den ruhigen Genuß der Darbietung. Sollten wir uns aber doch einmal verspätet haben, dann nehmen wir unsere Plätze so unauffällig und rücksichtsvoll wie möglich ein, warten vielleicht sogar die Ouvertüre oder den Schluß des ersten Aktes ab. Anzug-, Kleiderund Frisurkontrollen erfolgen im Foyer, nicht etwa auf den Sitzplätzen!

Um die Garderobe der Dame kümmert sich der Herr. Er nimmt ihr die Sachen ab und verwahrt auch die Garderobenmarke. Auch Hüte sind abzugeben. Bei Konzerten können die Damen einen kleinen Abendhut aufbehalten. Es gibt sogar Länder, in denen es auffällt, wenn eine Dame zum Konzert keinen Hut trägt.

www.zeno.org/
Literatur/I/lichtpor, Gemeinfrei

Alfred Lichtenstein (1889 – 1914), expressionistischer Schriftsteller und Verfasser Lyrik und Prosa mit stark grotesken Zügen.

I. Auftritt im Schulhof. Peter Paulus für, Laaks gegen Kohn (Kohn hatte sich verunreinigt, Max Mechenmal). Später Kohn an Paulus sich anschließend gegen Laaks. Eifersuchtsszenen. Infolge der Laaksschen Intrigen fällt Paulus durchs Abiturium, schießt sich tot. Abschiedsbriefe (rührend an Kohn, offizielles Begräbnis, Kohn rennt davon).

Oberlehrer Dr. Bryller läßt alles geschehen, redet dem geliebten Paulus sogar zu, sich zu töten: Töte dich, ehe es zu spät ist (solange du noch dazu fähig bist). Es hat zwar keinen Zweck, bereitet dir aber etwas wie Genugtuung. (Gott ist eine Zeiterscheinung.)

Die Leiche wurde wohlverpackt in einem Kasten auf den Friedhof getragen, wo man sie unter einer Garderobenmarke für ewig abgelegt.

Quelle: Berliner Zeitung, Sa. 24. Mai 1975

Vertrauen und Mißtrauen lassen sich, so scheint es, nicht miteinander vereinbaren, aber in der Praxis haben sich die beiden längst zusammengetan und die gemeinsame Tochter Vorsicht gezeugt. „Vorsicht“, so charakterisierte der ungarische Schriftstelle Jozsef Eötvös die Lage, „Vorsicht im Vertrauen ist notwendig, aber noch notwendiger Vorsicht im Mißtrauen.“ Wie der stets erfinderische Mensch dieses sowohl ungeheuer problematische als auch philosophische Dilemma mit geübter Hand auf die Technik abwälzt, schildert im folgenden der sowjetische Satiriker W. Bachnow an einem utopischen Ereignis — mit unbegrenztem Vertrauen in das Verständnis der Leser. In Neustadt wurde kürzlich ein Juweliergeschäft mit Selbstbedienung eröffnet. Der Direktor dieses in seiner Art einmaligen Geschäftes gab unserem Reporter ein Interview: „Herr Direktor, ist dieses kühne Experiment nicht ein weiterer leuchtender Beweis für das Vertrauen, das der Handel den Kunden entgegenbringt?“ „Ja, ich denke auch, das ohne weiteres, ja, unbedingt.“ „Ist dies nicht weit mehr als nur eine neue Form des Handels mit Juwelen, sondern vor allem eine Erziehung Kunden mit hohem Bewußtsein, eine Erziehung durch Vertrauen?“ „Genau! Auch unser Kollektiv nimmt an, daß die Hauptaufgabe dieses Geschäftes die Erziehung ist. Die Erziehung der Kunden natürlich.“ „Mit anderen Worten — diese Selbstbedienung in Juwelen ist in erster Linie eine Schmiede, aus der bewußte Käufer hervorgehen.“ „Ja, so muß man das sehen. „Und wie steht es nun um die technische Ausstattung? Ich hörte, daß Sie eine ganze Reihe technischer Neuerungen zur Steigerung der Verkaufskultur einführten?“

„Es gibt hier viele Neuerungen. Das Wichtigste ist jedoch: Es wurde alles getan, damit wir dem Kunden vertrauen können und er uns.“ „Zum Beispiel?“ „Beispielsweise: Der Kunde erhält hier keine Garderobenmarke, sondern eine elektronische Anlage, die niemals die Sachen durcheinanderbringt, sie übernimmt Annahme und Ausgabe.“ „Interessant! Das heißt also, daß der Kunde seine Garderobe abgibt.“ „Ja. bevor er den Verkaufsraum betritt, gibt er seine Oberbekleidung ab. Seine Unterwäsche übrigens auch.“ „Verzeihung, aber womit bekleidet gehen denn die Kunden …“ „In Spezialpyiamas, die sie dann später wieder abgeben. Sie erhalten ihre Bekleidung zurück und können das Geschäft nach der Leibesvisitation jederzeit ungehindert verlassen — falls sie keine schweren Schäden am Pyjama verursacht haben.“ „Was für schwere Schäden könnten sie denn schon an einem Pyjama verursachen?“ „Na, hören Sie! Die Knöpfe am Pyjama sind wahre Wunder der Elektronik – Miniaturfernsehkameras! Stellen Sie sich vor: An einem Pyjama befinden sich vier Knöpfe, die an den Hosen gar nicht mitgerechnet. Begreifen Sie, welch wertvolle Pyiamas wir unseren Kunden anvertrauen? Ohne Vorlage des Ausweises! Bedarf es noch eines weiteren Beweises für unser großes Vertrauen dem Kunden gegenüber?“ „Aber nein!“ „Außerdem erhält der Kunde ein Spezialverpackungsmaterial, in das er die ihm ausgewählte Ware wickelt, wodurch unser elektronisches Rechenzentrum Informationen zur Bearbeitung empfängt. Am Kassenautomaten liegt dann bereits die Rechnung für den Kunden bereit, und das war’s.“ „Herrlich, wie einfach und schnell und ohne anstehen!“ „Ja, angestanden wird bei uns nicht. Höchstens vor der Röntgenabteilung.“ „Beim Röntgen. Die Kunden kriegen den Magen geröntgt, bevor sie das Geschäft verlassen.“ „Aha. Nun noch eine letzte Frage: Wie sieht das Sortiment in diesem neuartigen Juwelen-Selbstbedienungsladen aus?“ „Nun, bis ietzt … Also, wir sind noch dabei, die Technik beherrschen zu lernen und die Kunden zu erziehen. Bis jetzt gibt es bei uns Gemüsekonserven, Fruchtsäfte, Mohrrüben, Bohnen, Zwiebeln, Salzgurken und so weiter. Aber wenn wir die Elektronik erst beherrschen und den Kunden erzogen haben, dann werfen wir auch ein paar Diamanten und Brillanten in die Regale.