{"id":339,"date":"2020-08-07T09:33:04","date_gmt":"2020-08-07T09:33:04","guid":{"rendered":"http:\/\/elster-pr.de\/?page_id=339"},"modified":"2026-05-01T09:32:23","modified_gmt":"2026-05-01T07:32:23","slug":"kulturgeschichte","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/die-garderobenmarke.de\/?page_id=339","title":{"rendered":"Eine kleine Kulturgeschichte"},"content":{"rendered":"\n<p>Werfen wir zun\u00e4chst einen Blick auf die Etymologie der &#8222;<em>Garderobenmarke<\/em>&#8222;. Zusammengesetzt wird das Wort aus <em>Garderobe<\/em> (wiederum zusammengesetzt aus <em>Garde<\/em>, vom franz\u00f6sischen<em> garde<\/em>: Wache, Wachmannschaft und vom franz\u00f6sischen <em>robe<\/em>: festliches Frauenoberkleid, Amtstracht) und <em>Marke<\/em> (vom franz\u00f6sischen Verb<em> marquer<\/em>: kennzeichnen, markieren). Hier geht man also &#8222;auf Nummer sicher&#8220;: gleich zweimal wird betont, wie sorgf\u00e4ltig mit Mantel &amp; Co. umgegangen wird. In anderen Sprachen ist man nachl\u00e4ssiger. Oft setzt sich das Wort aus <em>Garderobe<\/em> und <em>Nummer<\/em> in der jeweiligen Landessprache zusammen, zum Beispiel das estnische Garderoobinumbrid.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Garderobenmarke verdankt ihre Existenz einer schlichten Voraussetzung: Eine funktionierende Zentralheizung in Theater, Kino etc. er\u00fcbrigt das Tragen von warmen M\u00e4nteln in Innenr\u00e4umen. Vorausgegangen ist die \u00d6ffnung der Versammlungsorte f\u00fcr Jedermann und Jederfrau. Solange Kultur f\u00fcr h\u00f6fische Kreise und Wohlhabende vorbehalten ist, steht gen\u00fcgend Dienstpersonal bereit, das die M\u00e4ntel abnimmt und verwahrt. Damit lassen sich die Anf\u00e4nge der Garderoben in die Mitte des 19. Jahrhunderts terminieren. Zun\u00e4chst werden die M\u00e4ntel auf &#8222;Treu und Glauben&#8220; verwahrt. Als das Chaos \u00fcberhand nimmt, schl\u00e4gt die Geburtsstunde der Garderobenmarke, zun\u00e4chst in Form von Papiermarken. Die erweisen sich allerdings als nicht f\u00e4lschungssicher. Etwa um die Jahrhundertwende kommen Marken aus Messing oder Kunststoff (Zelluloid oder Bakelit) auf.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Folge entwickelt sich die Kultur der Garderobenmarke in den einzelnen L\u00e4ndern unterschiedlich, abh\u00e4ngig von Faktoren wie klimatischen Bedingungen, Wohlstand einer Gesellschaft und das Vorhandensein von gen\u00fcgend (billigen) Arbeitskr\u00e4ften.<\/p>\n\n\n\n<p>Formen und Material sind die Unterscheidungsmerkmale der Garderobenmarken, die nationale Str\u00f6mungen widerspiegeln. Sind z.B. deutsche Marken zun\u00e4chst rund, entwickeln sie im Laufe der Jahre eine rechteckige Form, w\u00e4hrend in Russland, Polen und anderen \u00f6stlichen Staaten die dreieckige Form eine Zeitlang dominiert. Das Material definiert sich \u00fcber die technischen M\u00f6glichkeiten und die Kosten. W\u00e4hrend die fr\u00fchen Marken in Deutschland aus dem wertigen Messing sind, gewinnt das leichte Aluminium ab den 50er Jahren an Einfluss, w\u00e4hrend heute die Garderobenmarken aus dem preiswerten und leicht zu bearbeitenden Kunststoff gefertigt sind. Doch alles ist anders, wenn eine Institution die Garderobenmarke als Statussymbol nutzt. Dann wiegt eine Garderobenmarke statt der \u00fcblichen f\u00fcnf bis zehn Gramm schon mal 50 oder 70. In keiner Hosen- oder Handtasche wird man dank der vorhandenen Schwerkraft das kleine Schmuckst\u00fcck vergessen k\u00f6nnen. Eine technische Unterscheidung ist die Frage &#8222;Lochung&#8220; oder &#8222;Ring&#8220;. W\u00e4hrend die europ\u00e4ischen und amerikanischen Marken einfach mittels gen\u00fcgend gro\u00dfem Loch an die B\u00fcgel geh\u00e4ngt werden, sind die asiatischen Marken mit kleinen L\u00f6chern ausgestattet, an die ein Ring befestigt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Faustregel mag gelten, dass je weiter n\u00f6rdlich ein Land gelegen ist, desto h\u00e4ufiger Garderobenmarken zum Einsatz kommen. Eines der L\u00e4nder mit der gr\u00f6\u00dften Tradition ist Russland. Hier findet sich in der Regel in jedem Theater, jedem Institut, jeder Bibliothek und sogar in fast jeder Sporthalle die bewachte Aufbewahrungsm\u00f6glichkeit f\u00fcr Garderobe. Die meist weiblichen Garderobieren stehen in dem Ruf, furchteinfl\u00f6\u00dfend zu sein, und haben nicht nur ein Auge auf die M\u00e4ntel, sondern auch auf die damit verbundenen Verhaltensregeln. Eine Besonderheit ist die soziale Abstufung der Institutionen. Verf\u00fcgen diejenigen, die etwas auf sich halten, \u00fcber Kleiderb\u00fcgel, werden die M\u00e4ntel in einfachen Garderoben mittels Schlaufe an den Haken geh\u00e4ngt. Es wird von einem Studenten berichtet, der in Moskau in der Bibliothek arbeiten will und dabei feststellt, dass die Schlaufe seines Mantels gerissen ist. Die Garderobiere schl\u00e4gt den Haken kurzerhand in das Futter \u2011 Hauptsache, der Mantel h\u00e4ngt. Einige Tage sp\u00e4ter \u2011 dieselbe B\u00fccherei, eine andere Garderobiere. Der Student bekommt seinen Mantel zur\u00fcck, und siehe da, die Schlaufe ist wieder angen\u00e4ht, das maltr\u00e4tierte Futter geflickt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die allgegenw\u00e4rtige Garderobe scheint eine Lebenseinstellung, die bis heute in Russland zu finden ist. Warum ist das so? Ein Erkl\u00e4rungsmodell ist die russische Kultur, in der die Trennung von &#8222;Au\u00dfen&#8220; und &#8222;Innen&#8220; eine zentrale Rolle spielt. Die Zweiteilung umfasst die gro\u00dfe Liebe zur Natur genauso wie die &#8222;Heiligkeit&#8220; der Innenr\u00e4ume mit geregelten Grenzen. In \u00f6ffentlichen Geb\u00e4uden signalisieren oft nicht nur eine, sondern zwei T\u00fcren diese Grenze. Das Abgeben des Mantels, so hei\u00dft es, zollt dem Wechsel zwischen den R\u00e4umen Respekt. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Werfen wir zun\u00e4chst einen Blick auf die Etymologie der &#8222;Garderobenmarke&#8222;. Zusammengesetzt wird das Wort aus Garderobe (wiederum zusammengesetzt aus Garde, vom franz\u00f6sischen garde: Wache, Wachmannschaft und vom franz\u00f6sischen robe: festliches Frauenoberkleid, Amtstracht) und Marke (vom franz\u00f6sischen Verb marquer: kennzeichnen, markieren). 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