Eine kleine Kulturgeschichte

Werfen wir zunächst einen Blick auf die Etymologie der “Garderobenmarke“. Zusammengesetzt wird das Wort aus Garderobe (wiederum zusammengesetzt aus Garde, vom französischen garde: Wache, Wachmannschaft und vom französischen robe: festliches Frauenoberkleid, Amtstracht) und Marke (vom französischen Verb marquer: kennzeichnen, markieren). Hier geht man also “auf Nummer sicher”: gleich zweimal wird betont, wie sorgfältig mit Mantel & Co. umgegangen wird. In anderen Sprachen ist man nachlässiger. Oft setzt sich das Wort aus Garderobe und Nummer in der jeweiligen Landessprache zusammen, zum Beispiel das estnische Garderoobinumbrid.

Die Garderobenmarke verdankt ihre Existenz einer schlichten Voraussetzung: Eine funktionierende Zentralheizung in Theater, Kino etc. erübrigt das Tragen von warmen Mänteln in Innenräumen. Vorausgegangen ist die Öffnung der Versammlungsorte für Jedermann und Jederfrau. Solange Kultur für höfische Kreise und Wohlhabende vorbehalten ist, steht genügend Dienstpersonal bereit, das die Mäntel abnimmt und verwahrt. Damit lassen sich die Anfänge der Garderoben in die Mitte des 19. Jahrhunderts terminieren. Zunächst werden die Mäntel auf “Treu und Glauben” verwahrt. Als das Chaos überhand nimmt, schlägt die Geburtsstunde der Garderobenmarke, zunächst in Form von Papiermarken. Die erweisen sich allerdings als nicht fälschungssicher. Etwa um die Jahrhundertwende kommen Marken aus Messing oder Kunststoff (Zelluloid oder Bakelit) auf.

In der Folge entwickelt sich die Kultur der Garderobenmarke in den einzelnen Ländern unterschiedlich, abhängig von Faktoren wie klimatischen Bedingungen, Wohlstand einer Gesellschaft und das Vorhandensein von genügend (billigen) Arbeitskräften.

Formen und Material sind die Unterscheidungsmerkmale der Garderobenmarken, die nationale Strömungen widerspiegeln. Sind z.B. deutsche Marken zunächst rund, entwickeln sie im Laufe der Jahre eine rechteckige Form, während in Russland, Polen und anderen östlichen Staaten die dreieckige Form eine Zeitlang dominiert. Das Material definiert sich über die technischen Möglichkeiten und die Kosten. Während die frühen Marken in Deutschland aus dem wertigen Messing sind, gewinnt das leichte Aluminium ab den 50er Jahren an Einfluss, während heute die Garderobenmarken aus dem preiswerten und leicht zu bearbeitenden Kunststoff gefertigt sind. Doch alles ist anders, wenn eine Institution die Garderobenmarke als Statussymbol nutzt. Dann wiegt eine Garderobenmarke statt der üblichen fünf bis zehn Gramm schon mal 50 oder 70. In keiner Hosen- oder Handtasche wird man dank der vorhandenen Schwerkraft das kleine Schmuckstück vergessen können. Eine technische Unterscheidung ist die Frage “Lochung” oder “Ring”. Während die europäischen und amerikanischen Marken einfach mittels genügend großem Loch an die Bügel gehängt werden, sind die asiatischen Marken mit kleinen Löchern ausgestattet, an die ein Ring befestigt ist.

Als Faustregel mag gelten, dass je weiter nördlich ein Land gelegen ist, desto häufiger Garderobenmarken zum Einsatz kommen. Eines der Länder mit der größten Tradition ist Russland, bzw. die ehemalige Sowjetunion. Hier findet sich in der Regel in jedem Theater, jedem Institut, jeder Bibliothek und sogar in fast jeder Sporthalle die bewachte Aufbewahrungsmöglichkeit für Garderobe. Die meist weiblichen Garderobieren stehen in dem Ruf, furchteinflößend zu sein, und haben nicht nur ein Auge auf die Mäntel, sondern auch auf die damit verbundenen Verhaltensregeln. Eine Besonderheit ist die soziale Abstufung der Institutionen. Verfügen diejenigen, die etwas auf sich halten, über Kleiderbügel, werden die Mäntel in einfachen Garderoben mittels Schlaufe an den Haken gehängt. Es wird von einem Studenten berichtet, der in Moskau in der Bibliothek arbeiten will und dabei feststellt, dass die Schlaufe seines Mantels gerissen ist. Die Garderobiere schlägt den Haken kurzerhand in das Futter ‑ Hauptsache, der Mantel hängt. Einige Tage später ‑ dieselbe Bücherei, eine andere Garderobiere. Der Student bekommt seinen Mantel zurück, und siehe da, die Schlaufe ist wieder angenäht, das malträtierte Futter geflickt.

Ein besonders schönes Beispiel zeigt die Wertschätzung, die der Garderobenmarke in Russland entgegen gebracht wird. Eine Designstudentin entwirft Garderobenmarken für Manege, einen Museums- und Ausstellungsverbund. Fünf Marken aus rauchfarbenem Plexiglas werden individuell für fünf Museen designt und charakterisieren den jeweiligen Ausstellungsort. Das Tschechow-Haus zum Beispiel bekommt eine Garderobenmarke in Form eines Schreibstifts. Hier gibt es dazu mehr Informationen: https://www.behance.net/gallery/29658495/cloakroom-tags-for-museum

Die allgegenwärtige Garderobe scheint eine Lebenseinstellung, die bis heute in Russland zu finden ist. Warum ist das so? Ein Erklärungsmodell ist die russische Kultur, in der die Trennung von “Außen” und “Innen” eine zentrale Rolle spielt. Die Zweiteilung umfasst die große Liebe zur Natur genauso wie die “Heiligkeit” der Innenräume mit geregelten Grenzen. In öffentlichen Gebäuden signalisieren oft nicht nur eine, sondern zwei Türen diese Grenze. Das Abgeben des Mantels, so heißt es, zollt dem Wechsel zwischen den Räumen Respekt.